Worum es in diesem Artikel geht: Warum wird Angst oft stärker, je mehr wir versuchen, sie loszuwerden? In diesem Artikel erfahren Sie, warum Angst kein Feind ist, welche wichtige Schutzfunktion sie erfüllt und weshalb Verdrängen häufig genau das Gegenteil bewirkt.
Kaum ein Gefühl möchten wir so schnell loswerden wie Angst.
Wir wünschen uns, dass sie verschwindet. Wir versuchen, uns abzulenken, positiv zu denken, sie zu ignorieren oder uns einzureden: „Es ist doch gar nichts.“
Das ist nur allzu verständlich.
Und doch passiert häufig etwas Merkwürdiges:
Je mehr wir gegen die Angst ankämpfen, desto stärker scheint sie zu werden.
Warum ist das so?
Angst ist nicht unser Feind
Angst gehört zu unseren Grundemotionen.
Ohne Angst hätten wir als Menschen vermutlich nicht lange überlebt.
Sie sorgt dafür, dass wir aufmerksam werden, Gefahren erkennen und uns schützen.
Wenn wir eine Straße überqueren, schauen wir nach links und rechts. Wenn wir auf einem vereisten Gehweg laufen, gehen wir vorsichtiger. Wenn ein Kind plötzlich auf die Fahrbahn rennt, reagieren wir innerhalb von Sekunden.
In all diesen Situationen ist Angst kein Problem.
Sie ist ein Schutzmechanismus.
Angst gilt häufig als Schwäche – dabei schützt sie uns
Schon früh lernen viele Menschen, dass Angst etwas ist, das möglichst nicht gezeigt werden sollte.
Vielleicht kennen Sie Sätze wie:
„Du Angsthase.“
„Reiß dich zusammen.“
„Stell dich nicht so an.“
„Davor braucht man doch keine Angst haben.“
„Also ich habe davor keine Angst.“
Oder die Vorstellung, dass starke Menschen keine Angst haben und Angst ein Zeichen von Schwäche sei.
Doch das stimmt nicht.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu empfinden.
Mut bedeutet, trotz Angst einen Schritt zu gehen.
Angst ist keine Schwäche.
Sie ist eine ganz normale menschliche Grundemotion und ein wichtiger Teil unseres Schutzsystems. Ohne Angst würden wir Risiken häufig unterschätzen und uns immer wieder in gefährliche Situationen bringen.
Vielleicht wäre es deshalb hilfreicher, Angst nicht als Gegner zu betrachten, sondern als einen Teil unseres Organismus, der zunächst einmal versucht, gut für uns zu sorgen.
Warum entsteht Angst überhaupt?
Angst kann sehr unterschiedliche Ursachen haben.
Sie kann entstehen durch:
- tatsächliche Gefahren
- belastende Lebensereignisse
- chronischen Stress
- traumatische Erfahrungen
- körperliche Erkrankungen
- hormonelle Veränderungen
- psychische Belastungen und Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, Suchterkrankungen oder Traumafolgestörungen
- mögliche Nebenwirkungen bestimmter Medikamente
Nicht immer lässt sich die Ursache einer Angst eindeutig bestimmen. Häufig wirken mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen – beispielsweise belastende Erfahrungen, körperliche Veränderungen und anhaltender Stress.
Manchmal erkennen wir den Auslöser sofort.
Manchmal spüren wir nur die Angst, ohne genau zu wissen, warum sie gerade da ist.
Nicht jede Angst weist auf eine aktuelle äußere Gefahr hin. Manchmal macht sie auf eine innere Belastung aufmerksam, manchmal ist sie Ausdruck eines sehr empfindlich gewordenen Nervensystems. Nicht immer lässt sich der Auslöser sofort erkennen.
Ein Vergleich
Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Menschen, der sich einer Gefahr nähert.
Sie rufen:
„Vorsicht!“
Doch der Mensch hört nicht zu.
Er schaut auf sein Handy.
Er geht einfach weiter.
Oder er erklärt Ihnen:
„Ach, hier ist doch gar nichts.“
Was würden Sie tun?
Würden Sie leiser werden?
Wahrscheinlich nicht.
Sie würden lauter rufen.
Sie würden aufgeregter werden.
Vielleicht würden Sie sogar hinterherlaufen und den Menschen am Arm festhalten.
Nicht, weil Sie ihm schaden möchten.
Sondern weil Sie ihn schützen möchten.
Genau das macht häufig auch unsere Angst.
Wenn wir sie ignorieren, unterdrücken oder ständig gegen sie ankämpfen, reagiert unser Organismus oft mit einer noch stärkeren Alarmreaktion.
Es werden mehr Stresshormone ausgeschüttet.
Die Muskeln spannen sich stärker an.
Das Herz schlägt schneller.
Die Atmung verändert sich.
Nicht, weil unser Körper gegen uns arbeitet.
Sondern weil er versucht, dafür zu sorgen, dass wir seine Warnsignale endlich wahrnehmen.
Das bedeutet nicht, dass jede Angst „Recht hat“
Manchmal schlägt unser inneres Alarmsystem zu früh oder zu stark an.
Besonders nach belastenden Erfahrungen kann unser Nervensystem sehr empfindlich werden.
Dann reagiert es auch in Situationen mit Angst, die objektiv gar nicht gefährlich sind.
Die Angst fühlt sich trotzdem echt an.
Deshalb geht es in der Therapie nicht darum, der Angst einfach zu glauben oder ihr blind zu folgen.
Es geht vielmehr darum, sie ernst zu nehmen und gemeinsam zu verstehen:
- Was möchte mir diese Angst sagen?
- Wovor versucht sie mich zu schützen?
- Braucht mein Organismus gerade Sicherheit?
- Oder hat mein Alarmsystem gelernt, überall Gefahr zu vermuten?
Der erste Schritt ist oft nicht, die Angst loszuwerden
So paradox es klingt:
Viele Menschen erleben Erleichterung, wenn sie aufhören, gegen ihre Angst zu kämpfen.
Nicht, weil die Angst dadurch sofort verschwindet.
Sondern weil der ständige Kampf gegen das eigene Gefühl nachlässt.
Angst muss nicht unser Gegner sein.
Sie kann auch als Signal verstanden werden, das zunächst einmal gehört werden möchte.
Das bedeutet nicht, dass wir der Angst immer folgen oder sie für bare Münze nehmen sollten. Aber häufig lohnt es sich, neugierig zu werden und ihr aufmerksam zuzuhören, statt sie sofort zum Schweigen bringen zu wollen.
Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Bitte holen Sie sich fachliche Unterstützung, wenn Ängste über längere Zeit bestehen bleiben, zunehmend stärker werden oder Ihren Alltag deutlich einschränken.
Das gilt insbesondere bei:
- Panikattacken
- starkem Rückzug
- anhaltenden Schlafproblemen
- einer über längere Zeit bestehenden depressiven Stimmung
- schwer kontrollierbaren Sorgen
Neue körperliche Beschwerden wie starkes Herzklopfen, Brustschmerzen oder Schwindel sollten zudem ärztlich abgeklärt werden, da nicht jedes Symptom automatisch durch eine Angstreaktion oder psychische Belastung verursacht wird.
Gemeinsam kann herausgefunden werden, welche Ursachen hinter den Ängsten stehen und welche Möglichkeiten es gibt, wieder mehr Sicherheit im eigenen Erleben zu entwickeln.
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