Angst hat jeder – oder nicht?

Nachdenkliche Person blickt über einen See in die Ferne. Symbolbild zum Blogartikel über Angst als Grundemotion und die unterschiedlichen Ursachen von Angst.
Hat jeder Mensch Angst? Oder gibt es Menschen, die tatsächlich keine Angst empfinden? In diesem Artikel erfahren Sie, warum Angst zu unseren Grundemotionen gehört, weshalb jeder Mensch sie unterschiedlich erlebt und warum unsere Lebensgeschichte dabei eine wichtige Rolle spielt.

Vielleicht kennen Sie Menschen, die scheinbar vor nichts Angst haben.

Sie treten selbstbewusst auf, gehen Risiken ein und wirken in schwierigen Situationen erstaunlich gelassen.

Vielleicht fragen Sie sich deshalb:

„Warum habe ich Angst – und andere scheinbar überhaupt nicht?“

Oder Sie denken:

„Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin einfach zu ängstlich.“

Doch stimmt das wirklich?


Angst gehört zu unserem Menschsein

Angst ist eine unserer Grundemotionen.

Sie gehört – genau wie Freude, Trauer, Wut oder Ekel – zu unserem natürlichen Gefühlsleben.

Ohne Angst hätten wir als Menschen vermutlich nicht lange überlebt.

Sie schützt uns davor, unüberlegt zu handeln, macht uns auf Gefahren aufmerksam und hilft uns, Risiken einzuschätzen.

Wenn wir eine Straße überqueren, vorsichtig eine Leiter hinaufsteigen oder nachts ein unbekanntes Geräusch hören, arbeitet unser Alarmsystem genau so, wie es soll.

In diesem Sinne besitzt nahezu jeder Mensch die Fähigkeit, Angst zu empfinden.


Warum haben Menschen vor so unterschiedlichen Dingen Angst?

Hier wird es spannend.

Denn Angst entsteht nicht allein durch die Situation, in der wir uns gerade befinden.

Ob unser Alarmsystem anspringt, wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst.

Dazu gehören unter anderem:

  • genetische Veranlagung
  • die Funktionsweise unseres Nervensystems
  • frühe Bindungserfahrungen
  • Erziehung und familiäre Prägungen
  • belastende oder traumatische Erfahrungen
  • körperliche Erkrankungen
  • hormonelle Veränderungen
  • aktuelle Lebensbelastungen
  • unsere bisherigen Erfahrungen mit ähnlichen Situationen

Deshalb reagieren zwei Menschen auf dieselbe Situation oft völlig unterschiedlich.

Während der eine ohne große Anspannung vor vielen Menschen spricht, empfindet der andere starke Unsicherheit.

Der eine fährt gerne Achterbahn, bekommt aber Panik vor einer MRT-Untersuchung. Der andere erlebt genau das Gegenteil.

Nicht weil einer mutiger oder schwächer ist.

Sondern weil jedes Nervensystem seine eigene Geschichte hat.

Wenn Sie sich intensiver mit den Zusammenhängen zwischen Trauma, Bindung, Nervensystem und psychischer Gesundheit beschäftigen möchten, finden Sie auf meiner Website eine Auswahl weiterführender Literatur.


Manche Menschen spüren ihre Angst kaum

Nicht jeder Mensch hat gelernt, seine Gefühle bewusst wahrzunehmen.

In manchen Familien war Angst unerwünscht.

Vielleicht hörte ein Kind Sätze wie:

„Reiß dich zusammen.“

„Davor braucht man keine Angst haben.“

„Stell dich nicht so an.“

„Jetzt hör endlich auf zu weinen.“

Kinder möchten die Beziehung zu ihren Bezugspersonen erhalten.

Deshalb lernen sie häufig sehr früh:

„Angst darf ich nicht zeigen.“

Manche lernen sogar:

„Ich darf sie nicht einmal fühlen.“

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Angst verschwunden ist.

Sie kann sich der bewussten Wahrnehmung entziehen und sich stattdessen auf andere Weise zeigen.

Stattdessen zeigt sie sich manchmal auf andere Weise:

  • innere Unruhe
  • starke Anspannung
  • Reizbarkeit
  • Perfektionismus
  • ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis
  • körperliche Beschwerden
  • ständiges Funktionieren
  • die Schwierigkeit, zur Ruhe zu kommen
  • der Drang immer allen anderen zu helfen


Angst sieht nicht immer wie Angst aus

Nicht jeder Mensch, der Angst hat, wirkt ängstlich.

Manche wirken besonders kontrolliert.

Andere besonders stark.

Wieder andere scheinen immer alles im Griff zu haben.

Manchmal steckt genau dahinter ein Organismus, der sehr viel Energie dafür aufwendet, Angst möglichst nicht wahrnehmen zu müssen.

Deshalb lohnt es sich, nicht nur auf das sichtbare Verhalten zu schauen, sondern auch auf das, was darunter liegen könnte.


Gibt es Menschen, die überhaupt keine Angst empfinden?

Die meisten Menschen besitzen die Fähigkeit, Angst zu empfinden.

Es gibt jedoch sehr seltene neurologische Erkrankungen und wenige psychische Störungsbilder, bei denen das Angsterleben verändert sein kann. Solche Ausnahmen sind insgesamt selten und ändern nichts daran, dass Angst grundsätzlich eine wichtige und lebensnotwendige Schutzfunktion unseres Organismus erfüllt.

Für die allermeisten Menschen gilt: Angst gehört zum Menschsein. Sie unterscheidet sich jedoch darin, wie stark sie empfunden wird, in welchen Situationen sie auftritt und wie bewusst wir sie überhaupt wahrnehmen können.


Angst verstehen statt bekämpfen

In meiner psychotherapeutischen Begleitung geht es deshalb meist nicht darum, Angst möglichst schnell verschwinden zu lassen.

Vielmehr geht es darum, sie besser zu verstehen und herauszufinden, warum sie entstanden ist und was sie aufrechterhält.

Denn Gefühle, die wahrgenommen und verstanden werden dürfen, müssen sich häufig nicht mehr so laut bemerkbar machen. Gleichzeitig fällt es vielen Menschen leichter, sie auszuhalten, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen.

Angst ist nicht unser Gegner.

Sie ist zunächst einmal der Versuch unseres Organismus, uns zu schützen.


Ein letzter Gedanke

Natürlich wünschen sich die meisten Menschen, dass ihre Angst möglichst schnell verschwindet. Das ist verständlich.

Paradoxerweise beginnt Veränderung jedoch häufig genau dort, wo wir nicht mehr ausschließlich gegen die Angst kämpfen, sondern neugierig werden:

Warum reagiert mein Organismus so, wie er reagiert?

Was versucht meine Angst vielleicht, mir mitzuteilen?

Was brauche ich, um mich wieder sicherer zu fühlen?

Menschen unterscheiden sich nicht darin, ob sie Gefühle haben. Sie unterscheiden sich häufig darin, wie sie gelernt haben, mit ihren Gefühlen zu leben.

Vielleicht liegt genau darin eine große Chance.

Denn wenn wir beginnen zu verstehen, warum unser Organismus so reagiert, wie er reagiert, verändert sich häufig auch unser Blick auf uns selbst. Aus Selbstkritik kann Verständnis werden. Aus dem Gefühl, „falsch“ zu sein, die Erkenntnis, dass unser Erleben einen guten Grund haben kann.

Verstehen bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Aber Verstehen kann der erste Schritt sein, um Veränderungen überhaupt möglich zu machen.


Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Bitte holen Sie sich fachliche Unterstützung, wenn Angst über längere Zeit bestehen bleibt, zunehmend stärker wird oder Ihren Alltag deutlich einschränkt.

Das gilt insbesondere bei:

  • Panikattacken
  • starkem Rückzug
  • anhaltenden Schlafproblemen
  • einer über längere Zeit bestehenden depressiven Stimmung
  • schwer kontrollierbaren Sorgen
  • andauerndem Grübeln
  • oder wenn die Angst zu erheblichem Leidensdruck führt

Neue körperliche Beschwerden wie starkes Herzklopfen, Brustschmerzen oder Schwindel sollten zudem ärztlich abgeklärt werden, da nicht jedes Symptom automatisch durch eine Angstreaktion oder psychische Belastung verursacht wird.

Gemeinsam kann herausgefunden werden, welche Ursachen hinter den Ängsten stehen und welche Möglichkeiten es gibt, wieder mehr Sicherheit im eigenen Erleben zu entwickeln.


Weiterführende Informationen

Wenn Sie sich intensiver mit den Themen Angst, psychische Belastungen und therapeutische Unterstützung beschäftigen möchten, finden Sie auf meiner Website weitere Informationen:

Richtig hier? – Für wen psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein kann.

Therapiemethoden & Arbeitsweisen – Erfahren Sie mehr über meine therapeutische Haltung und die Methoden, mit denen ich arbeite.

Trauma & Familie – Wie belastende Erfahrungen unser Erleben, unsere Beziehungen und unser Nervensystem beeinflussen können.

Blogartikel: „Warum Angst größer wird – wenn wir versuchen, sie wegzudrücken“ – Warum der Versuch, Angst zu unterdrücken oder zu bekämpfen, häufig genau das Gegenteil bewirkt.

Über mich

Ich bin Konstanze Burkhardt, Heilpraktikerin für Psychotherapie in Buchloe.

Mit meinen Blogartikeln möchte ich psychologische Zusammenhänge verständlich erklären und dazu einladen, das eigene Erleben mit mehr Neugier und weniger Selbstkritik zu betrachten.

Wenn Sie mehr über meine Arbeitsweise erfahren möchten, finden Sie weitere Informationen auf den Seiten Über mich und Therapiemethoden & Arbeitsweisen.